Dem
Projektleitfaden Software-Ergonomie liegt die Norm ISO 13407 zugrunde,
die den Prozess der Software-Entwicklung aus ergonomischer Sicht
beschreibt. Seit Januar 2011 ist eine neue Fassung dieser Norm mit der
Nummer ISO 9241-210 und dem Titel "Prozess zur Gestaltung
gebrauchstauglicher interaktiver Systeme" erschienen. Was bedeutet die
neue Norm für die Anwendung des Projektleitfadens Softwareergonomie?
ISO
13407: die Basis des Projektleitfadens
Der
Projektleitfaden Softwareergonomie enthält wichtige Aspekte, Hinweise
und Ratschläge zur Umsetzung von Ergonomie in Projekten. Diese haben
sich aus der langjährigen Projekterfahrung der Autoren ergeben. Alle
beschriebenen Aktivitäten und Umsetzungshinweise wurden durch Referenzen
auf die Norm ISO 13407 fachlich untermauert.
Da die
Formulierungen der Norm recht allgemein gehalten sind, soll der
Leitfaden konkretere Hinweise liefern, welche Aktivitäten zu welchen
Zeitpunkten in Software-Entwicklungsprojekten aus ergonomischer Sicht
einzuplanen sind. Der Leit-faden orientiert sich zwar an der Struktur
und den Überschriften der Norm, übernimmt sie aber nicht im Wortlaut
(bis auf wenige Zitate). Deswegen sollte der Leser ergänzend zum
Leitfaden die Norm im Detail studieren.
Was hat sich in Bezug auf die Norm 13407 geändert?
Die neue Fassung der Norm ISO 13407 als ISO 9241-210 mit dem Titel
„Prozess zur Gestaltung gebrauchstauglicher interaktiver Systeme“ hat
sich in Struktur und Aufbau inklusive der Überschriften nicht wesentlich
verändert. Auch die Gestaltungsaktivitäten bzw. deren Stufen sind
erhalten geblieben.
Geändert hat sich dagegen die Formulierung der jeweiligen Empfehlungen
der Norm. Sie wurde angepasst an moderne Terminologie und neue
Erkenntnisse. So ist jetzt die „User Experience“ neben der Usability
erwähnt, die einen erweiterten Blick auf die Gebrauchstauglichkeit von
Systemen beinhaltet. Einzelne Empfehlungen der Norm werden zudem
inhaltlich präziser herausgearbeitet und dargestellt.
Einige Passagen wurden ausführlicher beschrieben, so z. B. die
Anforderungen zum Nutzungskontext und zu den Methoden zur
benutzerzentrierten Evaluation.
Inhaltlich neu sind beispielsweise:
a.) Informationen zu den empfohlenen Arbeitsergebnissen ergonomischer
Projektaktivitäten
Arbeitsergebnisse sind wichtig, um die Umsetzung der Ergonomie im
Projekt zu unterstützen. Neben einer kurzen Übersicht über die
geforderten Arbeitsergebnisse wird auch der Technische Report ISO/IEC/TR
25060 einer Normenreihe erwähnt, die Arbeitsergebnisse und Berichte
ausführlicher beschreibt.
b.) Informationen zu Methoden, mit denen man Designalternativen
überprüfen kann, wurden an moderne Sichtweisen angepasst und
entsprechend überarbeitet.
Bezüglich der Methoden wie Usability-Tests, Evaluationen, Walkthroughs
ist eine Referenz auf die Norm ISO 16982 einfügt worden. Diese Norm
listet alle Usability-bezogenen Methoden auf und beschreibt deren Vor-
und Nachteile.
c.) Neu ist ein Kapitel zur Nachhaltigkeit menschzentrierter
Gestaltungsaktivitäten und Projektorganisation.
Generell kann also festgehalten werden:
Alle Empfehlungen und Hinweise des Projektleitfadens für die
Umsetzung der Ergonomie in Projekten sind nach wie vor gültig.
Allerdings können die Referenzen zwischen den im Anhang des
Projektleitfadens vorgeschlagenen Projektaktivitäten und den einzelnen
Empfehlungen und Abschnitten der Norm ISO 13407 nicht mehr verwendet
werden. Diese wären durch die entsprechenden Referenzen auf die neue
Norm ISO 9241-210 zu ersetzen.
Ausblick: Neue Projektleitfadenversion
Es ist geplant, eine neue Version des Leitfadens Anfang des nächsten
Jahres zu veröffentlichen, in der die neuen Bestandteile der Norm, die
neue Formulierung und Strukturierung beschrieben sind.
Hierbei soll auch der Entwicklungsprozess für Software-Medizinprodukte,
wie er in der Norm ISO 62366 beschrieben ist, in Bezug auf das
Risikomanagement berücksichtigt werden.
Was hat sich grundlegend in Bezug auf die Normenreihe ISO 9241 geändert?
Durch die neue Struktur der Normenreihe ISO 9241 sollen alle Normen, die
sich mit dem Thema Usability beschäftigen, sinnvoll in einen
Nummernkreis eingebunden werden. So bekam der Teil ISO 9241-10 nach der
Überarbeitung die neue Nummer 9241-110. Für einen Überblick über die
Struktur siehe ISO 9241-100. Eine der wichtigsten Änderungen war die
Erweiterung des Geltungsbereichs von der reinen Bildschirmarbeit
(„Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten“)
auf die Mensch-System-Interaktion. Dadurch sind die Normen der Reihe ISO
9241 per Definition auf alle Arten von Benutzungsschnittstellen
anwendbar.
Inhaltliche Hinweise zum Projektleitfaden
Seit Erscheinen des Leitfadens hat sich die Umsetzung von Ergonomie in
KMU, die Software selbst entwickeln oder entwickeln lassen, nach
Auffassung der Autoren nicht wesentlich verbessert. Deswegen möchten wir
an dieser Stelle noch einmal auf drei wesentliche Aktivitäten im
Ergonomie-Leitfaden hinweisen, denen nach wie vor eine besondere
Bedeutung im Hinblick auf eine erfolgreiche Umsetzung von
Software-Ergonomie zukommt:
Aktivität 1
„Ergonomieverantwortlichen bestimmen“
"Verantwortlich" sollte nicht mit "ausführend" verwechselt werden.
Unternehmen sollten darauf achten, qualifiziertes ergonomisches und
psychologisches Know-how zur Umsetzung von Ergonomie zu engagieren.
Diese Qualifikationen können nicht mit ein oder zwei mehrtägigen
Seminaren allein erworben werden.
Aktivität 3 „Die Aufgabenbereiche Prüfen / Testen
(Qualitätssicherung) und Design (Entwicklung) personell voneinander
trennen“
Aus Kostengründen Software-Entwicklungstätigkeiten mit
Usability-Aktivitäten zu kombinieren, hat sich als unproduktiv erwiesen.
Beide Aufgabengebiete sind zu komplex, um in Personalunion mit der
erforderlichen Qualität bearbeitet zu werden. Auch erweist sich die
ergonomische Ausbildung von Informatikern in der Regel als nicht
ausreichend.
Aktivität 4 „Sicherstellen der ergonomischen Kenntnisse
und Fähigkeiten des (internen oder externen) Ergonomieverantwortlichen“
Software-Ergonomie ist heute ein eigenständiges Wissensgebiet bzw.
Berufsbild. Für eine erfolgreiche betriebliche Anwendung ist eine
fundierte, interdisziplinäre Ausbildung erforderlich. Kenntnisse allein
in Informatik oder Mediendesign sind nicht ausreichend.
Juli
2011
 
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