Erfahrungen und Probleme bei der Umsetzung von Software-Ergonomie


Auch heute noch sind Anwendungsprogramme mit - teilweise gravierenden - ergonomischen Mängeln behaftet, trotz Software-Ergonomie-Normen, grafischer Benutzungsoberflächen und hoch entwickelter Entwicklungsumgebungen. Es stellt sich die Frage nach den Ursachen: warum ist Software immer noch schwer erlernbar, warum ist sie in ihrer Funktionalität schwer zu durchschauen, warum ist die Bedienung zu kompliziert und warum stellen sich die erwarteten Einspareffekte nicht ein? Wieso ist die ergonomische Qualität auch dann häufig unzureichend, wenn eine Beteiligung der Anwender stattgefunden hat (in mehr oder weniger ausgeprägter Form)?

Bei der Suche nach den Ursachen muss der Software-Entwicklungsprozess näher betrachtet werden, schließlich entstehen in dessen Verlauf die Fehler. Für die mangelhafte ergonomische Qualität von Software sind in der Regel nicht einfach die Programmierer verantwortlich zu machen, sondern es gibt strukturelle Gründe in der Projektorganisation.

Das lineare Phasenmodell der Software-Entwicklung

Obwohl seine Mängel bekannt und in der Literatur hinreichend beschrieben sind, wird heute häufig noch in der Software-Entwicklung nach dem lange vorherrschenden "linearen Phasenmodell" (bzw. "Wasserfallmodell") verfahren (siehe Abb. unten). Eine Projektphase folgt der anderen ohne Wiederholungen, der zeitliche Ablauf jeder Phase ist genau geplant. Die Schnittstellen zwischen den Projektphasen bilden in der Regel dicke Papiere, wie Pflichtenheft, fachliches und technisches Feinkonzept, die das Ergebnis der abgeschlossenen und den Auftrag für die folgende Projektphase enthalten.

Abb.: Lineares Phasenmodell der Software-Entwicklung

Häufig werden Anwender oder Fachexperten beteiligt, die gemeinsam mit den Projektmitarbeitern in diversen Meetings vor allem in der Anfangsphase des Projekts zusammen sitzen und die fachlichen Anforderungen besprechen. Im Ergebnis entstehen umfangreiche Fachkonzepte und technische Spezifikationen, die anschließend vom Programmierteam in aufwändiger Arbeit in das neue Softwaresystem umgesetzt werden.

Problem: keine geplanten Rückkopplungen

Bei komplexeren Entwicklungsvorhaben zeigt sich das lineare Phasenmodell als nicht mehr zeitgemäß und überfordert, weil es keine zyklische Iteration enthält, die zu einer wiederholten Abfolge der Kernaktivitäten Anforderungsdefinition, Gestaltung und Implementierung sowie Test führt. Daraus ergeben sich die folgenden Problemlagen:

  • Die Anforderungen an neue Programmsysteme sind heute oft so umfangreich und komplex, dass sie zu Beginn gar nicht vollständig und detailliert bestimmt werden können, wie im linearen Phasenmodell vorgesehen. Auch kann es während der Projektlaufzeit auf Grund äußerer Einflüsse zu Änderungen der Anforderungen kommen, die dann nicht mehr berücksichtigt werden, weil die dafür vorgesehene Projektphase bereits abgeschlossen ist.
  • Beim linearen Phasenmodell gibt es keine geplanten Rückkopplungen oder Korrekturschleifen zwischen den einzelnen Phasen, in denen über die Entwicklung von Prototypen eine schrittweise Optimierung von Gestaltungslösungen oder die Erprobung verschiedener Gestaltungsalternativen möglich wäre. Eine Revidierbarkeit oder Rückholbarkeit von getroffenen (fehlerhaften) Entscheidungen ist im Modell nicht vorgesehen.
  • Fehler, die schon bei der Anforderungsdefinition entstehen, werden in den späteren Projektphasen nicht erkannt bzw. nicht grundsätzlich behoben. Frühe Fehler haben aber die weitreichendsten Folgen und sind am teuersten zu beheben.
  • Die Implementierungsphase wird im linearen Phasenmodell nicht durch Zwischentests der Anwender unterbrochen. Damit ist die software-ergonomische Qualität vor der Fertigstellung der Software lediglich teilweise prüfbar, denn nur die Anwender kennen die spätere Nutzungssituation im erforderlichen Umfang. Mängel vor allem beim software-ergonomischen Kriterium der Aufgabenangemessenheit (gemäß DIN EN ISO 9241 Teil 10) sind damit vorprogrammiert.
  • Späte Tests, die erst nach Abschluss der Projektphase "Implementierung" durchgeführt werden, können keine ergonomische Software mehr gewährleisten. Alle Entscheidungen sind bereits gefallen und unter nicht unbeträchtlichem Kostenaufwand umgesetzt. Vor dem feststehenden Produktivstart bzw. Auslieferungstermin an den Kunden lassen sich zwar noch kleinere Korrekturen durchführen. Die Behebung ergonomischer Mängel betrifft aber häufig grundlegende Designentscheidungen und kann bestenfalls teilweise noch erfolgen. Oder anders ausgedrückt: Ergonomie lässt sich nicht in fertige Programme hinein testen.
  • Dadurch werden viele Mängel, insbesondere Bedienungsmängel, der "fertig" gestellten Programme erst im Rahmen der Wartungsphase in späteren Programmversionen behoben, mit zumeist hohem Aufwand.

Mängel in der Projektplanung

Unzureichende Einbeziehung der Anwender der Software

 

 

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