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Was ist Softwareergonomie?

Benutzungsschnittstelle als Gegenstand der Softwareergonomie

Softwareprogramme dienen heute den unterschiedlichsten Zwecken im Beruf und im Alltag. Dazu stellen sie häufig ein große Funktionsvielfalt zur Verfügung. Ob die angebotenen Funktionen auch tatsächlich genutzt werden, ob die Software den Benutzer wirklich unterstützt und die Bewältigung seiner Aufgaben erleichtert, hängt insbesondere von der Qualität der Benutzungsschnittstelle ab.

Unter Benutzungsschnittstelle werden alle Bestandteile eines interaktiven Systems (Software oder Hardware), die Informationen und Steuerelemente zur Verfügung stellen, die für den Benutzer notwendig sind, um eine bestimmte Arbeitsaufgabe mit dem interaktiven System zu erledigen (aus DIN EN ISO 9241-110).

Versteht der Anwender die Art und Weise nicht, wie eine Software zu bedienen ist, wird er die Vielfalt der angebotenen Funktionen sicher nur zum geringen Teil nutzen können. Unübersichtliche und verwirrende Bildschirmmasken, uneinheitliche oder nicht korrekte Verwendung der Fachterminologie der Arbeitsaufgabe, unverständliche Meldungen der Software oder starke Abweichungen von der von anderen Programmen gewohnten Bedienungsweise, all das sind Beispiele software-ergonomischer Mängel. Sie können häufig nur durch physischen oder psychischen Mehraufwand ausgeglichen werden, führen zu schnellerer Ermüdung, Stress und erhöhter Fehlerquote. Wirken die psychischen Belastungen länger auf den Menschen ein, ohne z.B. durch Pausen ausgeglichen zu werden, können auch körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Augenflimmern, Verspannungen oder Verkrampfungen die Folge sein.

Gut gestaltete Benutzungsschnittstellen können Freude, Kompetenz, Erfolg bewirken, im umgekehrten Fall aber auch Frustration, Ärger und Unwillen hervorrufen (User Experience). Aus Sicht der Softwarehersteller sind ergonomische Benutzungsschnittstellen ein Schlüssel zur Attraktivität und zum Erfolg der eigenen Produkte.

Der Begriff Softwareergonomie

Ähnlich wie bei der "traditionellen" Ergonomie, die sich mit der Gestaltung von Arbeitsplätzen, Arbeitsmitteln und der Arbeitsumgebung befasst, geht es bei der Softwareergonomie um die Anpassung von technischen Systemen - hier der Software - an menschliche Fähigkeiten. Nicht der Mensch soll sich an die Besonderheiten der Technik anpassen, sondern umgekehrt sollen sich technische Systeme als geeignete Hilfsmittel erweisen, die Arbeit zu erleichtern anstatt sie zu erschweren und zu verkomplizieren. Eine verbreitete Definition von Softwareergonomie lautet:

Ziel der Softwareergonomie ist die Anpassung der Eigenschaften eines Dialogsystems an die psychischen und physischen Eigenschaften der damit arbeitenden Menschen.

Die Gestaltung einer Benutzungsschnittstelle muss sich demnach orientieren an

Die psychologischen Grundlagen der Software-Ergonomie, auf die hier nicht weiter eingegangen wird, sind bei der Gestaltung von Menüs, Masken und Dialogen anzuwenden. Um diesen Prozess zu erleichtern, wurden sie im Rahmen der Normgebung heruntergebrochen auf Gestaltungsregeln, die sich in der Normreihe DIN EN ISO 9241 wiederfinden.

Der Begriff Gebrauchstauglichkeit

Es gibt eine Reihe ähnlicher Begriffe, die die Qualität der Benutzungsschnittstelle eines Softwaresystems charakterisieren sollen und zumeist synonym gebraucht werden, wie zum Beispiel Benutzungsfreundlichkeit, Bedienungsfreundlichkeit, Gebrauchstauglichkeit oder Usability. Durchgesetzt hat sich in den letzten Jahren der Begriff Gebrauchstauglichkeit als die Übersetzung des englischen Begriffs Usability, da er im Teil 11 der Norm DIN EN ISO 9241 definiert wird:

Gebrauchstauglichkeit ist das Ausmaß, in dem ein Produkt durch bestimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen.

Gebrauchstauglichkeit kennzeichnet die Nutzungsqualität von Software. Der Sinn der Definition erschließt sich über die Analyse der darin eingeflossenen Kernbegriffe:

Während sich die Begriffe effektiv und effizient auf objektiv zu messende Eigenschaften einer Software beziehen, wird mit zufriedenstellend auf die subjektiven Einstellungen der Benutzer abgestellt, die ebenfalls als Kriterium von Gebrauchstauglichkeit gelten. Der zentrale Begriff ist aber der Nutzungskontext, der besonders den Aufgabenbezug betont. Gebrauchstaugliche Software soll menschliches Arbeitshandeln unterstützen und vereinfachen. Dazu sind zunächst die Arbeitsaufgaben, die Benutzer und die dabei vorliegenden Umgebungsbedingungen zu analysieren.

Vorteile ergonomischer Software

Die Vorteile ergonomischer Software lassen sich in verschiedenen Dimensionen beschreiben.

Aus Sicht eines Software einsetzenden Unternehmens stehen vor allem wirtschaftliche Vorteile sowie die Sicherheit im Zentrum:

Aus Sicht Software herstellender Unternehmen ist softwareergonomische Güte ein entscheidendes Qualitätsmerkmal, wodurch das eigene Produkt aus der Reihe funktional ähnlicher Produkte hervorgehoben wird. Die Gebrauchstauglichkeit trägt entscheidend zur Attraktivität einer Software und zur Zufriedenheit der Kunden bei und verbessert damit die Marktchancen der eigenen Produkte.

Aus Sicht des Benutzers sollen

Ergonomische Software minimiert psychische Belastungen und vorzeitige Ermüdung. Umgekehrt betrachtet: unergonomische Programme verursachen Ärger, zusätzlichen und unnötigen Konzentrationsaufwand, umständliches Suchen und Vorgehen bei der Arbeit sowie mehr Fehler. Sie führen zu psychischen Belastungen und Stress.

Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung
(voher Bildschirmarbeitsverordnung)

Seit dem Inkrafttreten der Bildschirmarbeitsverordnung (BildschArbV) am 20. Dezember 1996 gibt es neben wirtschaftlichen und gesundheitlichen Vorteilen einen weiteren Grund zur ergonomischen Gestaltung von Software. Gemeinsam mit dem Arbeitsschutzgesetz (vom 7. August 1996) ergibt sich aus der BildschArbV eine gesetzliche Grundlage zur Software-Ergonomie. Die Verordnung wurde in die Arbeitsstättenverordnung überführt. Im Anhang der Verordnung sind Anforderungen an die Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen formuliert, im letzten Teil Grundsätze zur Software-Ergonomie:

6.5 Anforderungen an die Benutzerfreundlichkeit von Bildschirmarbeitsplätzen

(1) Beim Betreiben der Bildschirmarbeitsplätze hat der Arbeitgeber dafür zu sorgen, dass der Arbeitsplatz den Arbeitsaufgaben angemessen gestaltet ist. Er hat insbesondere geeignete Softwaresysteme bereitzustellen.
(2) Die Bildschirmgeräte und die Software müssen entsprechend den Kenntnissen und Erfahrungen der Beschäftigten im Hinblick auf die jeweilige Arbeitsaufgabe angepasst werden können.
(3) Das Softwaresystem muss den Beschäftigten Angaben über die jeweiligen Dialogabläufe machen.
(4) Die Bildschirmgeräte und die Software müssen es den Beschäftigten ermöglichen, die Dialogabläufe zu beeinflussen. Sie müssen eventuelle Fehler bei der Handhabung beschreiben und eine Fehlerbeseitigung mit begrenztem Arbeitsaufwand erlauben.
(5) Eine Kontrolle der Arbeit hinsichtlich der qualitativen oder quantitativen Ergebnisse darf ohne Wissen der Beschäftigten nicht durchgeführt werden.

Hier zum Vergleich die vorherigen Anforderungen der Bildschirmarbeitsverordnung:

20. Die Grundsätze der Ergonomie sind insbesondere auf die Verarbeitung von Informationen durch den Menschen anzuwenden.
21. Bei Entwicklung, Auswahl, Erwerb und Änderung von Software sowie bei der Gestaltung der Tätigkeit an Bildschirmgeräten hat der Arbeitgeber den folgenden Grundsätzen insbesondere im Hinblick auf die Benutzerfreundlichkeit Rechnung zu tragen:
21.1 Die Software muss an die auszuführende Aufgabe angepasst sein.
21.2 Die Systeme müssen den Benutzern Angaben über die jeweiligen Dialogabläufe unmittelbar oder auf Verlangen machen.
21.3 Die Systeme müssen den Benutzern die Beeinflussung der jeweiligen Dialogabläufe ermöglichen sowie eventuelle Fehler bei der Handhabung beschreiben und deren Beseitigung mit begrenztem Arbeitsaufwand erlauben.
21.4 Die Software muss entsprechend den Kenntnissen und Erfahrungen der Benutzer im Hinblick auf die auszuführende Aufgabe angepasst werden können.
22. Ohne Wissen der Benutzer darf keine Vorrichtung zur qualitativen oder quantitativen Kontrolle verwendet werden.

Bezug zur DIN EN ISO 9241 Teil 110

Diese Anforderungen im Anhang der Verordnung orientieren sich an den Gestaltungsgrundsätzen in der Norm DIN EN ISO 9241 Teil 110. Die Gestaltungsgrundsätze der Norm sind als Präzisierungen aufzufassen, die bei der Interpretation der Anforderungen zur Softwareergonomie aus dem Anhang der Verordnung heranzuziehen sind.

Die rechtliche Relevanz

Bei den Anforderungen im Anhang der Arbeitsstättenverordnung handelt sich es um rechtsverbindliche Mindestanforderungen, die bei Bildschirmarbeitsplätzen eingehalten werden müssen. Dies betrifft sowohl Software, die neu eingeführt wird als auch solche, die sich bereits im Einsatz befindet. Nur sehr wenige Fälle sind davon ausgenommen, insbesondere dann, wenn der Bildschirm fest in einer Maschine oder den Bedienplatz eines Fahrzeuges eingebaut ist oder bei Registrierkassen (vgl. § 1 Arbeitsstättenverordnung). Für den Einsatz von Software im Büro beispielsweise gelten die Anforderungen der Verordnung ausnahmslos, unabhängig davon, wie lange eine Software täglich von einem Mitarbeiter genutzt wird.

Die Anforderungen sind als Arbeitsschutzvorschriften an den Arbeitgeber gerichtet, der verpflichtet ist, Bildschirmarbeitsplätze so einzurichten und zu betreiben, "dass die Sicherheit und der Schutz der Gesundheit der Beschäftigten gewährleistet sind. Die Grundsätze der Ergonomie sind auf die Bildschirmarbeitsplätze und die erforderlichen Arbeitsmittel sowie die für die Informationsverarbeitung durch die Beschäftigten erforderlichen Bildschirmgeräte entsprechend anzuwenden." (§ 6.1 Abs. 1 der Arbeitsstättenverordnung).

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